Kapitel 5: Salze in der Ernährung – wo liegen die Risiken und wo der Nutzen?
.


Natriumchlorid, Kalium,Magnesium:

Salz in der Schwangerschaft, für Babys und im Kindesalter


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1. Vorsicht schon in der Schwangerschaft


Schon im Mutterleib werden oft schon die Weichen für späteren Bluthochdruck beim Nachwuchs gestellt.

Angriffspunkt sind die Nieren, genauer gesagt die Nephrone. Das sind die Grundbausteine der Nieren, bestehend aus den kugelförmigen Nierenkörperchen und den vielfach gewundenen Nierenkanälchen (Tubulussystem).

Abb.: Struktur eines Nephrons

Nephron_Kochsalz_Speisesalz
Jede Niere hat etwa 1-1,5 Millionen dieser mikroskopisch kleinen „Einzelnieren“. Sie nehmen innerhalb eines Tages ca. 1.500 Liter Blut auf (pro Minute 1 Liter) und reinigen es von Abfallstoffen.

  • Wiederverwertbare Nährstoffe und Mineralien werden dem Blutkreislauf wieder zugeführt.
  • Ausscheidungspflichtige Substanzen wie Stoffwechselendprodukte, Giftstoffe, Medikamentenreste oder zuviel Kochsalz gelangen als Urin in die Blase.

Der kritische Punkt bei den Nephronen ist, dass sie in einer sehr frühen Entwicklungsphase entstehen. Dieses Zeitfenster reicht von der 8. bis zur 34. bis 40. Schwangerschaftswoche. Hat das Ungeborene bis zu diesem Zeitpunkt eine zu geringe Anzahl ausgebildet, bleiben die Nieren dauerhaft „unterbesetzt“.

gesundheit_c_50Folge des lebenslangen Defizits: eine ausgeprägte Salzsensitivität. Mit zunehmendem Alter führt dies oft zu nieren-, herz- und gefäßbedingten Krankheiten.
Eine Forschergruppe um die Pathologin Gunhild Keller von der Universität Heidelberg untersuchte die Nieren von 20 Unfallopfern weißer Hautfarbe mit und ohne Bluthochdruck. [40. Gunhild Keller, Gisela Zimmer, Gerhard Mall, Eberhard Ritz, Kerstin Amann, „Nephron number in patients with primary hypertension“, N Engl J Med 2003; 348: 101-108. Internet: http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa020549 (Stand: 10.2014).] Die Zusammensetzung beider Gruppen bezüglich Alter, Geschlecht, Körpergewicht und Größe war in etwa gleich.
abstand

 

Patienten mit
Bluthochdruck (n = 10)

Kontrollgruppe
mit normalem Blutdruck (n = 10)

Durchschnittsalter (Jahre)

45,5

46,5

Durchschnittliche Anzahl der Nephronen pro Niere*

702.379

1.429.200

* ermittelt anhand der Anzahl der Glomeruli, der Bestandteile eines Nephrons

Was verursacht einen Nephronenmangel?

Potentielle Ursachen sind Mangelernährung, bestimmte Medikamente, Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum, Erkrankungen der Mutter, Zwillings- bzw. Mehrlingsschwangerschaften und stressbedingte Faktoren.

Ein niedriges Geburtsgewicht ist oftmals ein Indikator.

ausrufezeichen_c_50In zwei unabhängig voneinander durchgeführten Tierstudien konnte nachgewiesen werden, dass eine hohe Kochsalzzufuhr während der Schwangerschaft zu einem niedrigen Körpergewicht führt[41. A. Alves da Silva et al., „Renin-angiotensin system function and blood pressure in adult rats after perinatal salt overload“, Nutr Metab Cardiovasc Dis 2003; 13: 133-9. Internet: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0939475303801722 (Stand: 10.2014).] und sich weniger Nephrone entwickeln.[42. Amanda C. Boyce, Karen J. Gibson, Clare L. Thomson, Eugenie R. Lumbers, „Interactions between maternal subtotal nephrectomy and salt: effects on renal function and the composition of plasma in the late gestation sheep fetus“, Exp Physiol 2008; 93: 262-70. Internet: http://www.pubfacts.com/detail/17933860/Interactions-between-maternal-subtotal-nephrectomy-and-salt:-effects-on-renal-function-and-the-compo (Stand: 10.2014).] abstandzitat_b_50Dr. med. Nadezda Koleganova von der Universität Heidelberg empfiehlt deshalb: „Wenngleich Daten am Menschen noch ausstehen, ist es vor diesem Hintergrund vernünftig, sich auch bei Schwangeren an eine Leitlinien-gerechte Empfehlung einer Salzzufuhr von 6 g/Tag zu halten.“[43. N. Koleganova, G. Piecha, E. Ritz, M. L. Gross, „Ist hohe Salzzufuhr während der Schwangerschaft verantwortlich für eine veränderte Nierenmorphologie beim Fetus?“, Journal für Hypertonie – Austrian Journal of Hypertension 2009; 13 (3), 12-16. Internet: http://www.kup.at/kup/pdf/8199.pdf (Stand: 10.2014).]

 

Wichtig in diesem Zusammenhang: Eine Salzsensitivität, kann sich auch schleichend entwickeln.

Grund ist der kontinuierliche Verlust intakter Nephrone. Nach einem Artikel der Nephro-News (Ausgabe 2/08), gehen zwischen dem 18. und dem 70. Lebensjahr pro Niere etwa 4.500 Nierenkörperchen jährlich zugrunde. [44. Kerstin Amann, „Altersbedingte Änderungen der Nierenmorphologie und funktion“, NEPHRO-NEWS, Ausgabe 2/08. Internet: http://www.medicom.cc/medicom/inhalte/nephro-news/entries/NN208/entries_sec/Artikel-1.php?WSESSIONID=1e683efad757740e7044da07f7299077 (Stand: 10.2014)]zitat_b_50Sehr stark beschleunigt wird die Minderung der Nierenfunktion durch kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Bluthochdruck, sodass „bei älteren Patienten mit entsprechendem Risikofaktorprofil und eingeschränkter Nierenfunktion von einer ‚vaskulären‘ Nierenschädigung ausgegangen werden muss“[45. Danilo Fliser, „Ren sanus in corpore sano: Wie verändert sich die Nierenfunktion im Alter?“, NEPHRO-NEWS 2/08. Internet: http://www.medicom.cc/medicom-at/inhalte/nephro-news/entries/NN208/entries_sec/Artikel-2.php (Stand: 10.2014).], wie Prof. Dr. Danilo Fliser schreibt.

vaskulär: Blutgefäße betreffend


Niedriges Geburtsgewicht – höheres Verlangen nach Salz

klammer_c_50Bereits das Ungeborene nimmt einen salzigen Geschmack des Fruchwassers wahr. Fehlt dieser Geschmack in der Endphase der Schwangerschaft, hat dies laut einer Studie des Monell Chemical Senses Center (Philadelphia, USA) einen Einfluss auf die spätere Geschmackspräferenz.[46. L. J. Stein, B. J. Cowart, G. K. Beauchamp, „Salty taste acceptance by infants and young children is related to birth weight: longitudinal analysis of infants within the normal birth weight range“, European Journal of Clinical Nutrition (2006) 60, 272-279; doi:10.1038/sj.ejcn.1602312; published online 23 November 2005.]  Je niedriger das Geburtsgewicht, desto größer ist in den ersten 6 Lebensmonaten das Verlangen nach salzhaltigen Wasserlösungen. Im Vorschulalter (36-48 Monate) wurde durch Befragung der Mütter ein Lebensmittel-Ranking durchgeführt. Auch hier ergab sich bei Kindern mit unterdurchschnittlichem Geburtsgewicht im Vergleich zu Normalgewichtigen eine größere Vorliebe für salzhaltige Lebensmittel.

 

Wichtig! Die Salzreduktion in der Schwangerschaft kann auch schaden

 

Auch ein Mangel an Salz kann der Mutter und dem Ungeborenen schaden. Dies gilt vor allem dann, wenn es zu einer Blutdruckerhöhung (Schwangerschasftshypertonie) und überhöhter Ausscheidung von Eiweiß  kommt (= Präeklampsie). Etwa 5 % der Schwangeren sind davon betroffen und häufig wird die Präeklampsie begleitet von plötzlich eintretenden Wassereinlagerungen in Händen und Gesicht. Helfen können hier ausreichende Salz- und Trinkmengen. Allerdings ist dies  eine ernste Schwangerschaftskomplikation und die Behandlung gehört unbedingt in die Hände eines erfahrenen Arztes.

Es gibt aber Stimmen, die grundsätzlich vor einer Kochsalzreduzierung während der Schwangerschaft warnen, da eine hohe Zufuhr von Salz das Präeklampsie-Risiko senkt . Angesichts des Hintergrunds, dass nur etwa jede 20. Schwangerschaft davon betroffen ist und zuviel Salz auch Nebenwirkungen haben kann, sollte man sich diesen Schritt jedoch genau überlegen
abstand

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2. Wie man aus Babys Bluthochdruck-Patienten macht

 

Der Babybrei schmeckt Ihnen zu fade? Bitte übertragen sie diese Einschätzung niemals auf ihr Kind. Babys vertragen im ersten Lebensjahr überhaupt kein zusätzliches Kochsalz bzw. nur minimale Mengen!

Leider lässt die Deutsche Diätverordnung hier einen großen Spielraum für Beikost auf Basis von Obst, Gemüse oder Milch (gilt nicht für Getreidebeikost)

 

Natrium-
gehalt/100 g

Salz-
gehalt/100 g

Muttermilch*

12,7 mg

32,3 mg

Kuhmilch*

48,0 mg

121,9 mg

erlaubter Grenzwert für Baby- und Kleinkindnahrung (bis zu
einem Alter von drei Jahren)*

200 mg

508,0 mg

Quellen:

* Siegfried Souci, W. Fachmann, Heinrich Kraut, Die Zusammensetzung der Lebensmittel.Nährwert-Tabellen, Medpharm, 5. Aufl. Stuttgart (1994).

** Verordnung über diätetische Lebensmittel (Diätverordnung / DiätV), Anlage 20 (zu § 14d Abs. 5, § 22b Abs. 2 Nr. 2).

schlecht_c_50Nimmt man die Natur als Maßstab für die optimale Ernährung des Kindes im ersten Lebensjahr, ist der Grenzwert für solche Fertignahrungsmittel 15,7-mal zu hoch – und auch Kuhmilch enthält etwa viermal so viel Natrium wie Muttermilch.

Die Wissenschaftlerin Johanna M. Geleijnse untersuchte die langfristigen Auswirkungen einer niedrigen und einer normalen Kochsalzzufuhr auf Neugeborene.[49. Johanna M. Geleijnse, Albert Hofman, Jacqueline C. M. Witteman, Alice A. J. M. Hazebroek, Hans A. Valkenburg, Diederick E. Grobbee, „Long-term effects of neonatal sodium restriction on blood pressure“, Hypertension 29(4):913-7. Internet: http://hyper.ahajournals.org/content/29/4/913.short (Stand: 10.2014).] In der Gruppe mit Salzreduktion senkte sich wie erwartet der Blutdruck. Nach 24 Wochen verzehrten beide Gruppen wieder die übliche Salzmenge. In einer Nachbeobachtung konnte eindeutig belegt werden, dass eine höhere Salzzufuhr für nur 24 Wochen in der frühkindlichen Entwicklung sich auch noch nach 15 Jahren negativ auf den Blutdruck auswirkt.

 

Baby_Kind_Blutdruck_Salz_Salzreduktion_2

Grafik nach Feng J. He, Graham A. MacGregor, „A comprehensive review on salt and health and current experience of worldwide salt reduction programmes“, J Human Hypertens 2009; 23: 363–84.

 

Die Bogalusa Heart Study[50. Shengxu Li, Wei Chen, Sathanur R. Srinivasan, M. Gene Bond, Rong Tang, Elaine M. Urbina, Gerald S. Berenson, „Childhood Cardiovascular Risk Factors and Carotid Vascular Changes in Adulthood. The Bogalusa Heart Study“, JAMA 2003;290(17):2271-2276. doi:10.1001/jama.290.17.2271.] belegt wiederum, dass erhöhte Blutdruckwerte im Kindes- und im Pubertätsalter zu signifikant höheren Blutdruckwerten im Erwachsenenalter führen.

Die American Heart Association unter der Leitung von Kirstin Bibbins-Domingo ermittelte in einer Modellrechnung (Coronary Heart Disease Policy Model) die Auswirkung einer Kochsalzreduktion ab der Kindheit von nur drei Gramm täglich. [51. Kirsten Bibbins-Domingo, Pamela Coxson, Tekeshe Mekonnen, David Guzman, Lee Goldman, „Cardiovascular Benefits of Dietary Salt Reduction for US Adolescents“, American Heart Association Scientific Sessions 2010; Nov. 13-17, 2010. Internet: http://circ.ahajournals.org/cgi/content/meeting_abstract/122/21_MeetingAbstracts/A18899 (Stand: 10.2014).]

  • Bluthochdruckrisiko im Alter von 12-24 Jahren: 44-63 Prozent geringer
  • Bluthochdruckrisiko im Alter von 35-50 Jahren: 30-43 Prozent geringer
  • Fälle von koronaren Herzkrankheiten: 7-12 Prozent weniger
  • Herzinfarktrisiko: 8-14 Prozent geringer
  • Schlaganfallrisiko: 5-8 Prozent geringer
  • Todesfälle jeglicher Ursache bis zum Erreichen des 50. Lebensjahres: 5-9 Prozent weniger


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Bereits der Verzehr einer Kochsalzmenge von 0,5 bis 1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht kann zum Tode führen (1 g Kochsalz = 1/5 Teelöffel). Im Internet und in der Literatur findet man häufig die Empfehlung, Kindern lauwarmes Salzwasser als Brechmittel zur Entleerung des Mageninhalts zu geben. Das klappt in der Regel auch, aber wenn sich das Kind nicht vollständig erbricht, kann eine lebensbedrohliche Kochsalzmenge im Körper verbleiben.

Laut Roche Lexikon Medizin (5. Aufl.) ist eine übermäßige Kochsalzaufnahme verbunden mit „Trockenheit im Schlund, Durchfällen, Erbrechen, Durst, Polyurie, allgemeiner Schwäche“ und führt „evtl. zum Tode infolge Herz- u. Atemstörungen, allg. Lähmung“[52. Roche Lexikon Medizin, Stichwort „Salzvergiftung“, Urban & Fischer (2003, 5. Aufl.), Internet: http://www.tk.de/rochelexikon/ (Stand: 10.2014).].


Keine Erwachsenen-Lebensmittel für Babys und Kleinkinder

Fertig zubereitete Baby- und Kindernahrung ist teuer, und die Versuchung ist groß, bei einer knappen Haushaltskasse hier zu sparen. Das Menzies Research Institute berichtet von einem Fall in England, bei dem ein drei Monate alter Säugling durch den Verzehr von Instant-Kartoffelpüree und Soße an akuter Salzvergiftung (Hypernatriämie) gestorben ist. Ein weiterer ernstzunehmender Risikofaktor für Hypernatriämie ist Gewichts- und Wasserverlust (durch Erbrechen, Durchfall oder Fieber) in Verbindung mit einer geringen Trinkmenge.

Die Gefahr steckt auch im Wasser

Sehr wichtig ist es, darauf zu achten, dass das Wasser, mit dem die Babykost oder der Tee zubereitet wird, natriumarm ist.

Mineralwasser enthält im Durchschnitt etwa dreimal soviel Natrium wie Leitungswasser.[53. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V., „Wie gut ist unser Wasser?“ Pressebericht vom 06.03.2002.]. Rekordverdächtig ist die Bad Mergentheimer Albertquelle mit einem Natriumgehalt von fast 13 Gramm Natrium pro Liter (12.800 mg/l). Aber auch bekannte Wassermarken aus dem Supermarkt wie Apollinaris mit 470 mg/l oder die Adelheidquelle mit 950 mg/l enthalten gefährlich hohe Mengen.

klammer_c_50Bevorzugt man Mineral- oder Quellwasser, sollte man deshalb auf den Hinweis „Geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung“ achten.
Folgende Obergrenzen gelten nach Mineral- und Tafelwasserverordnung[54. Verordnung über natürliches Mineralwasser, Quellwasser und Tafelwasser, Internet: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/min_tafelwv/gesamt.pdf (Stand: 10.2014).]:

  • Natrium: 20mg/l
  • Sulfat: 240mg/l
  • Nitrat: 10mg/l
  • Nitrit: 0,02mg/l
  • Fluorid: 0,7mg/l

Leitungswasser darf bis zu 200 mg/l* Natrium enthalten. Eine aktuelle Trinkwasseranalyse für Ihren Wohnort kann man entweder bei der Stadt- oder Gemeindeverwaltung oder bei den zuständigen Stadtwerken anfordern. Meist liegt der Natriumgehalt jedoch unter 20 mg/l. Zu Schwankungen kann es durch den Einsatz von Streusalz im Winter kommen.

* Nach der Richtlinie 98/83/EG des Rates vom 03.11.1998. Vor Umsetzung der EG-Richtlinie, durfte das Trinkwasser in Deutschland nur 150 mg/l Natrium enthalten.


Die frühkindliche Gewöhnung: der erste Schritt in ein salzreiches Leben

Neben dem Zusammenhang mit einem niedrigem Geburtsgewicht, untersuchte das Chemical Senses Center in Philadelphia auch, inwieweit der Salzkonsum im Alter zwischen 2 und 6 Monaten zu einer frühkindlichen Prägung führt. [55. Leslie J. Stein, Beverly J. Cowart, Gary K. Beauchamp, „The development of salty taste acceptance is related to dietary experience in human infants: a prospective study“, Am J Clin Nutr January 2012, Vol. 95, No. 1, 123-129. Internet: http://ajcn.nutrition.org/content/95/1/123.abstract (Stand: 10.2014).] Gemessen wurde in einer randomisierten, doppelblindenden Studie die tägliche Salzaufnahme von 61 Säuglingen z. B. durch Kekse, kleine Brotstückchen, Salzstangen oder Frühstückscerealien.

ausrufezeichen_c_50Das Ergebnis: Je salzhaltiger die Kost in dieser frühen Phase war, desto größer war der Drang, auch als Vorschulkind Salz von der Oberfläche von Lebensmitteln abzulecken oder sogar pures Salz zu verzehren.

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3. Versalzte Kindheit


Die Ernährung in der Kindheit ist nicht nur für die optimale Entwicklung ausschlaggebend, sie prägt auch unser gesamtes Leben.

zitat_b_50Hierzu Ingo Barlovic vom Kinder-Marktforschungsinstitut Icon Kids & Youth: „Ab einem Alter von 13, 14 Jahren sind die Gewohnheiten festgelegt. Will man danach, zum Beispiel in der Schule, noch Ernährungserziehung betreiben, empfinden die Kinder das als lästige Pflicht.“[56. Bild am Sonntag vom 16.01.2011, „Nestlé-Studie enthüllt, dass schlechtes Essen Kinder dumm macht“, S. 7.]Die Nestlé-Studie 2011 „So i(s)st Deutschland“ befragte etwa 1.000 Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren nach ihrem Lieblingsessen. Gemüse (13 %), Obst (11 %) und Salat (8 %) zählen nur selten dazu.

  • Für 45 % ist Pizza das Leibgericht (eines der salzreichsten Lebensmittel im Supermarkt),
  • gefolgt von Pommes frites (43 %)
  • und Spaghetti (33 %).

Morgens ist Getreidekost wie Cornflakes, Pops oder Müsli mit Milch vom Frühstückstisch nicht mehr wegzudenken. Dazu trägt hauptsächlich der Zuckergehalt von 25 bis 40 Prozent bei. Was geschmacklich aber nicht wahrgenommen wird, ist der durchschnittliche Salzgehalt von 0,5-1,5 g pro 100 g.

Zum Salzkonsum von Kindern gibt es zwei groß angelegte Feldstudien:

  • die „Verzehrsstudie zur Ermittlung der Lebensmittelaufnahme von Säuglingen und Kleinkindern“, die die Natriumzufuhr bei Kindern im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren ermittelte (VELS, Universität Paderborn, vom 15.11.2002 bis zum 31.05.2003)[58. Schlussbericht des Forschungsinstituts für Kinderernährung Dortmund, „Ernährungsphysiologische Auswertung einer repräsentativen Verzehrsstudie bei Säuglingen und Kleinkindern VELS mit dem Instrumentarium der DONALD Studie“, Juli 2003, Internet: http://download.ble.de/02HS007.pdf (Stand 10.2014).],
  • und die „Kinder- und Jugendgesundheitssurveys“, an der 6- bis unter 18-Jährige teilnahmen (KiGGS, Robert-Koch-Institut, Universität Paderborn, vom Mai 2003 bis zum Mai 2006).[59. Gert B. M. Mensink, Helmut Heseker, Almut Richter, Anna Stahl, Claudia Vohmann, Julia Six, Simone Kohler, Jessica Fischer, „Ernährungsstudie als KiGGS-Modul. Forschungsbericht“, Ernährung 1, 225-229, Internet: http://www.bmelv.de/cae/servlet/contentblob/378624/publicationFile/25912/EsKiMoStudie.pdf (Stand: 10.2014).]

Beobachtet wurde eine Kochsalzzufuhr, die nicht nur erheblich über dem Referenzwert liegt, sondern, bezogen auf das Körpergewicht, noch weit höher ist als die von Erwachsenen.

Auswertung zum Kochsalzverzehr im Kindes- und Jugendalter in Gramm pro Tag

Alter

Kochsalzzufuhr

benötigte minimale Kochsalzzufuhr1

Differenz

Jungen

Mädchen

Jungen

Mädchen

6 M. – < 1 Jahr

1,3

1,0

0,5

0,8

0,5


1–4 Jahre

2,5

2,3

0,8

1,7

1,5


4–5 Jahre

3,3

3,0

1,0

2,3

2,0


6–7 Jahre

4,6

4,3

1,0

3,6

3,3


7–10 Jahre

5,6

4,8

1,3

4,3

3,5

10–12
Jahre

5,6

5,6

1,3

4,3

4,3

12–13
Jahre

7,6

6,6

1,3

6,3

5,3

13–15
Jahre

8,4

6,9

1,4

7,4

5,5

15–18
Jahre

10,4

6,6

1,4

9,0

5,5

1 errechnet aus dem D-A-CH-Natriumreferenzwert

Auch für diese Daten gelten die Vorbehalte, die im Kapitel „Nehmen wir in Wahrheit wesentlich mehr Kochsalz auf?“ geäußert wurden. Zumindest bei den 14-18-Jährigen müssen die Werte um das 1,4- bis 1,7-fache nach oben korrigiert werden.

schlecht_c_50Erhebungen der Universität Rotterdam (Niederlande), die die Natriumausscheidung von Kindern erfasst haben, belegen einen Anstieg von über 50 % innerhalb von 10 Jahren. [60. Michiel F. Schreuder, „Salt Intake in Children: Increasing Concerns?“, Hypertension 2007;49:e10. Internet: http://hyper.ahajournals.org/content/49/2/e10.full (Stand: 10.2014).]

 

 

1993–1995 (n = 45)

2003–2005 (n = 142)

Zunahme

Alter in Jahren im Ø

7,3

7,7

Gewicht in kg im Ø

24,3

28,1

15,6 %

Natriumausscheidung in mmol/Tag*

65

101

55 %

* 24-Stunden-Urin-Natriumausscheidung

Schwedische Wissenschaftler des Sahlgrenska University Hospital im schwedischen Göteborg untersuchten in einer Kohortenstudie die Salzaufnahme von 79 jungen Männern im Alter von 18 bis 20 Jahren per 24-Stunden-Sammelurin.[61. L. Hulthén, M. Aurell, S. Klingberg, E. Hallenberg, M. Lorentzon, C. Ohlsson, „Salt intake in young Swedish men“, Public Health Nutr. 2010 May;13(5):601-5. Epub 2009 Dec 8. Internet: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19968896 (Stand: 10.214).] Außerdem wurden sie über ihre Ernährungsgewohnheiten befragt. Die durchschnittliche tägliche Kochsalzaufnahme lag bei 11,5 Gramm.

 

alle
Teil-nehmer
(n = 79)

oberes
Quartil der Na-Ausscheidung
(n = 20)

unteres
Quartil der 
Natriumausscheidung
(n = 20)

P-Wert
(oberes Quartil v. niedriges Quartil)

Kochsalzausscheidung/g

11,5

17,2

5,8

<
0,001

Kaliumausscheidung/g

3,3

4,1

2,7

< 0,001

Verhältnis Na/Kalium

2,3

3,2

1,8

< 0,001

Wie man sieht, sind die Schwankungen beträchtlich, und laut den Befragungen sind sie abhängig davon, ob sich die jungen Erwachsenen bevorzugt von Fertiggerichten ernähren oder von selbstgekochten Speisen. Für die Studienleiterin Prof. Lena Hulthén ist diese Entwicklung alarmierend, zumal sich der Salzkonsum in den letzten 40 Jahren verdoppelt habe. [62. Pressetext, „Alarmierender Salzkonsum bei jungen Erwachsenen“, pte025/14.01.2010. Internet: http://www.pressetext.com/news/20100114025 (Stand: 10.2014).] Bedenklich ist auch, dass die höhere Natriumausscheidung mit einer wesentlich höheren Kaliumausscheidung einhergeht.

Die Abteilung für Bluthochdruck des National Kyushu Medical Centers in Fukuoka (Japan) ermittelte die Salzaufnahme von 1.424 japanischen Kindern im Alter von drei Jahren. [63. Y. Morinaga, T. Tsuchihashi, Y. Ohta, K. Matsumura, „Salt intake in 3-year-old Japanese children“, Hypertens Res. 2011 Jul;34(7):836-9. Internet: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21593740 (Stand: 10.2014).] Der Mittelwert lag bei 4,4 Gramm (!) Salz pro Tag (75 ± 47 mmol). Auffallend war, dass die Harn-Natrium-Ausscheidung bei Erstgeborenen signifikant geringer ausfiel als bei Kindern mit älteren Geschwistern (78 ± 49 gegenüber 72 ± 45 mmol pro Tag, P < 0,05). Schlussfolgerung: Die Höhe der Salzaufnahme ist auch davon abhängig, was Geschwistern (und Eltern) vorleben.

Die teilnehmenden Wissenschaftler der britischen Studie „Consensus Action on Salt and Health“ untersuchten 2007 die Mahlzeiten beliebter Fastfood-Ketten. [64. Consensus Action on Salt and Health, „Hidden danger in half term ‘treats’: A Pizza Hut meal can contain four times a child’s daily salt limit“, 19 October 2007. Internet: http://www.actiononsalt.org.uk/news/surveys/2007/fastfoods/index.html (Stand: 10.2014).]. Das erschreckende Ergebnis: Teilte sich eine vierköpfige Familie eine „Pizza plus“ von Pizza Hut, verzehrte sie pro Person 12,3 Gramm Kochsalz.

Besser schnitten McDonald‘s und Burger King ab: 6 „Chicken McNuggets“ mit einem Gartensalat und einer mittelgroßen Coca-Cola enthalten z. B. nur 0,8 Gramm Salz, das „Kid’s Burger Meal“ mit Pommes frites und Coca-Cola von Burger King 2,0 Gramm, und McDonald’s „Hamburger Happy Meal“ mit Pommes frites und Coca-Cola 1,9 Gramm. Der vegetarische „Kid‘s Veggie Burger“ von Burger King mit einer kleinen Portion Pommes frites und einer kleinen Cola bringt es dagegen auf 3,2 Gramm Salz.

Der Forschungsleiter Graham MacGregor warnt auch vor versteckten Salzquellen:

  • Käsekuchen „Madagascar Vanilla“ von Pizza Hut: 1,07 Gramm
  • Fettreduzierter „Blueberry Muffin“ von McDonald‘s: 1,4 Gramm
  • Großer „Schokoladen-Milchshake“ von McDonald‘s: 0,9 Gramm


Hoher Blutdruck ist bei Kindern deshalb keine Seltenheit mehr

Der optimale Blutdruck im Hinblick auf das Risiko für Herz- oder Gefäßkrankheiten liegt nach Kriterien der Weltgesundheitsorganisation bei unter 120 zu 80.

Anteil der Kinder und Jugendlichen im Alter von 14-17 Jahren, die kritische Blutdruckwerte haben:

Alter: 14-17
Jahre

Alter: 15-17
Jahre

≥ 120/80 mmHg

≥ 140/80 mmHg

Über-gewicht /
Adipositas

Kochsalz-
konsum*

Jungen

46,2 %

6,0 %

17 % /
8,2 %

10,4  g

Mädchen

24,8 %

1,4 %

17 % /
8,9 %

6,6 g

Quelle: Gert B. M. Mensink et al., „Ernährungsstudie als KiGGS-Modul. Forschungsbericht“, Ernährung 1, 225-229

 

Da die Übergewichtssituation bei Jungen und Mädchen etwa gleich ist, liegt es nahe, dass der hohe Kochsalzkonsum für die schlechten Blutdruckwerte verantwortlich ist. Dies wird auch durch die finnische Studie bestätigt.

In der Querschnittsstudie „Salt and blood pressure in children and adolescents“ untersuchte die St. George’s University of London den Zusammenhang zwischen Salzkonsum und Blutdruck. Teilnehmer waren 1.658 Kinder im Alter von 4 bis 18 Jahren. Die Studie wurde um Faktoren wie Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index und diätetische Kaliumzufuhr bereinigt. Die Forscher stellten fest, dass der systolische Blutdruck pro Gramm Salz in der Nahrung um 0,4 mmHg ansteigt. Der Pulsdruck, ein wichtiger Hinweis für die Elastizität der Blutgefäße, nahm pro Gramm um 0,6 mmHg zu. Diese Zunahme spiegelt ein steiferes und damit weniger anpassungsfähiges Gefäßsystem wider (Abnahme der sogenannte Compliance).


Höherer Blutdruck – weniger Grips

Hypertonie im Kindesalter hat eine kurzfristige Auswirkung, die weitgehend unbekannt ist: eine wesentlich größere Wahrscheinlichkeit für kognitive Probleme wie Aufmerksamkeitsstörungen, mangelnde Lernfähigkeit oder schlechtes Erinnerungsvermögen. Das URMC*  Golisana Kinderkrankenhaus untersuchte 201 Kinder mit und ohne Bluthochdruck. [65. Heather R. Adams, Peter G. Szilagyi, Laura Gebhardt, Marc B. Lande., „Learning and attention problems among children with pediatric primary hypertension“, Pediatrics 2010 Dec;126(6):e1425-9. Epub 2010 Nov 8. Internet: http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2010/11/08/peds.2010-1899.full.pdf (Stand: 10.2014).]  Bei der Gruppe mit Hypertonie war, bei identischen sozialen Gegebenheiten, die Wahrscheinlichkeit für Lernstörungen viermal höher. Außerdem litten die Kinder deutlich häufiger an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung).

* University of Rochester Medical Center, New York (USA)

Zusammenfassung 

Bedenkt man, welche verheerenden Folgen jahrzehntelanger Bluthochdruck für die Gefäße hat, kann man durchaus davon sprechen, dass man viele Kinder ins offene Messer laufen lässt.

Die möglichen Folgen einer zu salzreichen Kindheit sind u.a.:

 

  • Nierenbelastungen
  • ständiger Durst, da das Salz den Körper austrocknet
  • Übergewicht, weil Kinder zuckerreiche Getränke als Durstlöscher bevorzugen
  • erhöhte Salzsensitivität, sodass bereits eine relativ geringe Salzmenge negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat
  • lebenslange Prägung auf das Verlangen nach salzreicher Kost
  • Bluthochdruck bereits im Kindesalter, und damit stark erhöhtes Risiko für Gehirn-, Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen im Alter

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